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Vor- und Nachteile einer Online-Scheidung

in letzter Zeit bieten immer mehr Scheidungsanwälte die “Online-Scheidung” an. Aber was ist das eigentlich? Und: worin liegen die Unterschiede zur normalen (“Offline-”) Scheidung? Hier direkt zum Fazit.

Vorbemerkungen

Dazu muss ich kurz ausholen. Bei jeder Scheidung sind mehrere rechtliche Fragen zu klären:

  1. den eigentlichen Scheidungsakt vorbereiten und vollziehen
  2. eine Regelung über die gemeinsame Wohnung, den Hausrat und die persönlichen Dinge der Eheleute fixieren
  3. den gegenseitige Unterhalt und den der gemeinsamen Kinder klären
  4. das Sorge- und Umgangsrecht mit den gemeinsamen Kindern regeln
  5. erworbene Rentenansprüche ausgleichen (=Versorgungsausgleich)
  6. Erbansprüche und weitere Einzelfragen und die Kosten der Scheidung erörtern

Die Punkte 2-6 nennt man “Scheidungsfolgen”. Für keinen der Punkte 1-6 ist ein amtliches Online-Verfahren vorgesehen. Das Wort “Online-Scheidung” beschreibt also nur die Art der Kommunikation mit dem Anwalt. Ich persönlich finde so etwas viel zu selbstverständlich, als dafür extra ein Wort zu erfinden…

Was kann überhaupt online geklärt werden?

Scheideweg Scheideweg
Für einige Punkte ist zwingend ein gerichtliches Verfahren vorgeschrieben, einige kann man auch ohne Gericht klären. Gerichtliche Verfahren kann man natürlich nicht online klären - der Richter setzt sich ja nicht hin und schickt den Eheleuten eine Email: “Sie sind jetzt geschieden”, Stempel, Unterschrift, fertig. Vielmehr muss man auch hier zur Verhandlung erscheinen. Das betrifft den Punkt 1 und wenn man sich über den Rest nicht einig ist, dann auch die Punkte 2-6.
Ziel der angebotenen “Online-Scheidung” ist es also, möglichst viel aus dem gerichtlichen Verfahren heraus zu halten und sich über möglichst viel aus den Punkten 2-6 vorher zu einigen, also: eine Vereinbarung über die Scheidungsfolgen herbeizuführen. Bei einem waschechten “Rosenkrieg” kann man also online kaum mehr erreichen als offline.

Ist die Online-Scheidung billiger?

Hintergrund dieser Maßnahme ist es, die Gerichtskosten so gering wie möglich zu halten. Dafür erhöhen sich aber dann die Anwaltskosten. Kostensenkung bei einer Scheidung ist nun vor allem durch folgende Maßnahmen möglich:

  1. Möglichst alles zugleich klären statt nacheinander. Grund ist das Kostenrecht für Anwälte und Gerichte: je höher der Streitwert, umso weniger prozentuale Kosten. Achten Sie beim Angebot der “Online-Scheidung” darauf, dass der angegebene Preis nicht nur den Scheidungsakt selbst umfaßt (oben Punkt 1), sondern auch die Punkte 2-6.
  2. Möglichst viel einvernehmlich klären. Dann benötigt man nur einen Anwalt und kann Kosten sparen. Leider kommt bei einer anfangs “einvernehmlichen” Scheidung oft das Leben dazwischen und führt am Ende, wenngleich nicht zu einem Rosenkrieg, so doch zu einer komplizierteren Lage, die am Ende noch teurer sein kann.
  3. Bei Anwaltsgebühren auf die Art der Abrechnung achten. Viele Anwälte bieten Gebührenvereinbarungen an, in denen sie nach Zeit abrechnen. Das mag bei hohen Vermögenswerten günstiger sein als die Abrechnung nach dem Gesetz (RVG), oft ist es aber auch teurer. Lassen Sie sich also immer beide Varianten zum Vergleich vorlegen.

Fazit: wesentlich billiger wird eine Scheidung nicht dadurch, dass sie online stattfindet, sondern wenn überhaupt, dann aus anderen Gründen.

Ist die Online-Scheidung pragmatischer?

Kurz: ja, etwas. Das hat Vorteile und Nachteile. Manch einer möchte mit seinem Anwalt in einer geschützten, vor dem Ehepartner, aufdringlichen Freunden und Erbschleichern sicheren Umgebung eine objektive Einschätzung seiner Lage einholen. Hierzu bietet ein “unsichtbarer” Anwalt, dem man auch nicht etwa am nächsten Tag in der Fußgängerzone begegnet, sicherlich Raum.
Für den emotionalen Teil dieses Bedürfnisses aber sind geschriebene Zeilen doch weniger dienlich, geschriebene Sprache ist von Natur aus auch immer ein bisschen mißverständlich. Wenn man hier mal reden will und das rechte Wort zur rechten Zeit sucht, ist ein Besuch beim Anwalt vor Ort doch die bessere Wahl. Als Anwalt ist man eben auch manchmal Seelsorger, und das kommt rein online schlicht zu kurz. Hier sollte man also auf einer Beratung zumindest per Telefon, besser noch: per Videotelefonie bestehen.
Achten Sie also bei eine Online-Scheidung darauf, wie viel Zeit für eine anständige und umfassende Beratung inbegriffen ist. Die halbe bis eine Stunde Anwaltskosten machen den Kohl dann auch nicht mehr fett - dafür haben Sie sich vernünftig informiert.

Wann macht eine Online-Scheidung Sinn?

Fassen wir zusammen: bei einer sicher einvernehmlichen Scheidung mit geringen Streitwerten und pragmatischen, kostenorientierten Beteiligten ohne gemeinsame Kinder kann eine Onlinescheidung die bessere Wahl sein. Ein gangbarer Kompromiss ist die Kommunikation per Telefon.

Wann macht eine Online-Scheidung sicher keinen Sinn?

Eine Scheidung, die vor allem von einem Partner ausgeht, die mit eher hohen Vermögenswerten verbunden ist (Stichwort: Immobilie), bei der beide zu Prinzipien oder gar zu Starrsinn neigen, ist die zielgerichtete Beratung unerläßlich, und das kann per Email keineswegs mehr Erfolg bringen als bei einem Treffen mit dem Anwalt vor Ort.


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